Hannoveraner Erklärung der gtw

Die Arbeitsgemeinschaft Gewerblich-Technische Wissenschaften und ihre Didaktiken (gtw) in der Gesellschaft für Arbeitswissenschaft e. V. hat sich im Rahmen der 19 gtw-Herbstkonferenz 2016 an der Leibniz Universität Hannover mit dem Verhältnis zwischen Bildungswissenschaften, Fachwissenschaften und Fachdidaktiken auseinandergesetzt und dessen Bedeutung für die Lehrerbildung diskutiert. Sie fasst ihre Einschätzungen in der folgenden Erklärung zusammen.

Stabile Strukturen für die Lehrerbildung schaffen

Aufgrund der Nachwuchsprobleme ist die Rekrutierung von Lehrkräften für Berufsbildende Schulen ohne universitäres Lehramtsstudium mittlerweile zum „Regelfall“ geworden – insbesondere für die Mangelfachrichtungen Metalltechnik, Elektrotechnik, Fahrzeugtechnik und Informationstechnik. Alle Bundesländer sind derzeit darauf angewiesen, im großen Ausmaß Direkt-, Seiten- oder Quereinsteiger in den Schuldienst einzustellen. Dadurch leidet die Qualität der Arbeit an den berufsbildenden Schulen; Innovationen und Weiterentwicklungen der Schulstandorte bleiben auf der Strecke; Schulleitungen und Studienseminare sind mit grundlegenden Ausbildungsmaßnahmen zur Fachdidaktik, zur Berufspädagogik und zum Berufsbildungssystem beschäftigt und wissenschaftlicher Nachwuchs an den Hochschulen kann nicht gefördert werden. Das Berufsbildungssystem und insbesondere das berufliche Schulwesen ist allerdings auf wissenschaftlich reflektiertes und in Berufsbildungsbezügen denkendes Ausbildungspersonal angewiesen, um die Stärken des Dualen Systems und des deutschen Berufsbildungssystems überhaupt aufrechtzuerhalten und auszubauen.

Die gtw fordert daher eine systematische Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern an den Hochschulen, mit der stabile Strukturen für das Studium zum Lehramt an berufsbildenden Schulen geschaffen werden. Nur so können die Hochschulen ihrer Verantwortung für eine Qualifizierung des Nachwuchses gerecht werden. Mit den ländergemeinsamen inhaltlichen Anforderungen für die Fachwissenschaften und Fachdidaktiken in der Lehrerbildung der Kultusministerkonferenz werden dazu bereits Standards bereitgestellt, die bei Akkreditierungsverfahren als Referenz herangezogen werden. An den Hochschulen sind inzwischen jedoch nur noch selten Strukturen anzutreffen, mit denen die damit verbundenen Qualitätsansprüche an die Lehrkräftebildung eingelöst werden können. Dies gilt vor allem in Hinblick auf die Ausstattung der Fachdidaktiken und die Ausgestaltung der beruflichen Fachrichtungen an den Hochschulen. Die gtw spricht sich dafür aus, die Fachdidaktiken als forschungsfähige Einheiten so zu positionieren, dass ein Studium der beruflichen Fachrichtungen als eigenständiges Profil realisiert werden kann, weil sich nur so eine auf die Berufsbildung ausgerichtete und identitätsbildende Ausbildung von Lehrkräften absichern lässt. Dies kann nur gelingen, wenn die beruflichen Fachrichtungen als eigenständige gewerblich-technische Wissenschaften bzw. Berufswissenschaften in den Hochschulen implementiert sind. Insbesondere für die Rekrutierung von Studieninteressenten aus den berufsbildenden Schulen und für die Studierbarkeit der Studienprogramme sind strukturbildende Maßnahmen erforderlich, die von den Kultus- und Bildungsministerien eingefordert und unterstützt werden müssen.

Sondermaßnahmen bei der Ausbildung von Lehrkräften für berufliche Schulen führen zum Qualitätsverlust in der Lehrerbildung

Die unzureichende Versorgung der berufsbildenden Schulen mit grundständig ausgebildeten Lehrkräften führt derzeit eher nicht zu den oben eingeforderten strukturell angelegten Maßnahmen und schwächt die Hochschulstandorte in ganz Deutschland massiv. Potentielle Studierende werden in Sondermaßnahmen ohne eine fundierte wissenschaftsorientierte Ausbildung an die Schule gelockt. Gleichzeitig fehlt den Teilnehmenden von Sondermaßnahmen das berufsdidaktische und berufspädagogische Fundament für den Lehrerberuf. Die Unterstützung der Länder sollte zukünftig den Hochschulen zur Realisierung vollwertiger Studienmodelle mit eigenständigen beruflichen Fachrichtungen dienen. Eine Zusammenlegung von beruflichen Fachrichtungen an den Hochschulen ist dabei wenig hilfreich, um eine Professionalisierung in einer beruflichen Fachrichtung zu ermöglichen. Um die hohe Qualität der Lehrkräftebildung entsprechend der von der Kultusministerkonferenz (KMK) vorgegebenen Standards (Ländergemeinsame inhaltliche Anforderungen für die Fachwissenschaften und Fachdidaktiken in der Lehrerbildung) zu erfüllen sowie die Transferleistungen zwischen Forschung und Lehre zu gewährleisten, müssen die beruflichen Fachrichtungen einschlägig bleiben und mit ausreichenden personellen und sachlichen Ressourcen ausgestattet werden.

Gewerblich-technische Wissenschaften und ihre Didaktiken sollten in enger Verzahnung mit der Berufspädagogik studiert und Studieninteressierten empfohlen werden, um professionsorientierte Lehrkräfteprofile herausbilden zu können. Zur Gewinnung von Lehrerbildungspersonal für die berufsbildenden Schulen sollten die Studienmodelle alle in Frage kommenden Zielgruppen ansprechen. Für Ingenieure – sowohl Bachelor- wie auch Masterabsolventen – sind daher Masterstudiengänge an den Hochschulen zu etablieren, mit denen sich die Anforderungen der KMK an die Ausbildung und das Studium für den Lehramtstyp 5 (Berufsbildende Schulen) voll einlösen lassen. Für Meister und Techniker sollten die Studienmodelle so ausgestaltet werden, dass sie hinsichtlich Studienzeiten sowie vollumfänglicher Ausbildung in den beruflichen Fachrichtungen einschließlich Didaktiken für die Zielgruppe attraktiv werden.

Die Sprecher der gtw

Hannover, 06.10.2016 Prof. Dr. Matthias Becker, Leibniz Universität Hannover
Prof. Dr. Martin Frenz, RWTH Aachen
Prof. Dr. Lars Windelband, PH Schwäbisch Gmünd

Hannoveraner Erklärung 2016 zum download: Hannoveraner-Erklärung-2016

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