Flensburger Erklärung der gtw

Die Arbeitsgemeinschaft Gewerblich-Technische Wissenschaften und ihre Didaktiken (gtw) in der Gesellschaft für Arbeitswissenschaft e. V. hat sich im Rahmen der Herbstkonferenz 2012 mit den Auswirkungen der Kompetenzorientierung und veränderter Berufsstrukturen auf Berufsbildungsbiografien, auf den Fachkräftemangel und auf die Lehrerbildung beschäftigt. Sie fasst ihre Einschätzungen in der folgenden Erklärung zusammen.

Berufsstrukturen im dualen System

Seit dem Beginn der Implementierung des deutschen Qualifikationsrahmens und der Diskussionen um ein Leistungspunktesystem (ECVET) wird von einem Paradigmenwechsel in der Berufsbildung gesprochen. Darunter wird verstanden, nicht mehr in erster Linie auf den „Input“ zur Gestaltung von Lernen, von Lernorten und von Medien zu setzen, sondern die sogenannte Lernergebnisorientierung wird zum Maß aller Dinge. Verbunden wird damit von den Bildungsakteuren sehr oft die Idee, dass unabhängig von konkreten Lernorten und Lernprozessen schlicht eine Ergebnisfeststellung stattfindet und dafür Bewertungen vergeben werden sollen. Der Lernort soll beim Lernen keine Rolle mehr spielen. Jedem Einzelnen soll es möglich sein, jedes Bildungsniveau zu erreichen, ohne die heute üblichen Bildungseinrichtungen besuchen zu müssen.

Die gtw warnt vor solchen, die Qualitäten des dualen Systems verkennenden Auffassungen zum berufsbezogenen Lernen. Berufliches Lernen ist ein Prozess, der berufsbezogen gestaltet werden muss und nicht der Beliebigkeit überlassen werden darf. Nur didaktisch ausgerichtete und in beruflichen Kontexten stattfindende Lernprozesse garantieren eine hohe Qualität des Lernens. Es wird dringend empfohlen, die Rahmenbedingungen für ein zusammenhängendes berufliches Lernen in Betrieben und beruflichen Schulen abzusichern und auszubauen. Nur so können die Lernergebnis- bzw. Kompetenzorientierung und dadurch die Qualität des Berufsbildungssystems abgesichert werden, so dass sich die angestrebten beruflichen Kompetenzen auch entwickeln können. Dazu ist auch eine Lehrerausbildung notwendig, die sich mit der Entwicklung beruflicher Kompetenzen und allen dafür erforderlichen institutionellen, curricularen, didaktischen und berufsbezogenen Strukturen auseinandersetzt.

Standards bei der Ausbildung von Lehrkräften für berufliche Schulen

Die KMK setzt sich aktuell mit der Einführung von Standards für berufliche Fachrichtungen in der Lehrerbildung auseinander und hat eine ad-hoc Arbeitsgruppe benannt, die beispielhafte Vorschläge für die Fachrichtungen Wirtschaft und Verwaltung sowie Metalltechnik erarbeiten sollen. Die gtw hat diesen Prozess durch mehrere Vorschläge und eine Stellungnahme im Rahmen einer Anhörung unterstützt. Der nun vorliegende Entwurf vom Oktober 2012 basiert in weiten Teilen auf den Empfehlungen der gtw zur Ausgestaltung von Studiengängen. Sollte dieser nun durch die KMK beschlossen werden, dann wären erstmals berufliche Fachrichtungen im Sinne der gtw benannt und könnten einen überzeugenden innovativen Beitrag in der Lehrerausbildung vollbringen, weil damit die Grundlage geschaffen wäre, „Patchworkkonzepte“ in der universitären Lehrerausbildung zu überwinden und Fachdidaktik und Fachwissenschaften/Berufswissenschaften als Studieninhalte in einer Beruflichen Fachrichtung eng verzahnt mit der Berufspädagogik zu verankern. Bildungsrelevante Aspekte der beruflichen Kompetenzentwicklung, der betrieblichen Arbeitsprozesse und das berufliche Handeln der Schülerinnen und Schüler in ihrem Arbeitsumfeld können beim Fachrichtungsansatz sinnvoll zum Studiengegenstand gemacht werden. Die gtw bietet der KMK darüber hinaus an, die Entwicklung auch aller weiteren gewerblich-technischen Fachrichtungsstandards zu unterstützen.

Promotionen

Seit mehreren Jahren stehen die verschiedenen Formate der Promotionen im inner- und außereuropäischen Ausland in der Diskussion. Grund dafür ist, dass den bisherigen Verfahren folgende Schwächen nachgesagt werden: zu lange Promotionszeiten, unstrukturierte Form der Doktorandenausbildung, fehlende Kommunikationsstrukturen für Doktoranden, Mangel an zielgruppenadäquaten Lehrangeboten für Doktoranden und hohe Abbruchraten. Es existiert kaum eine wissenschaftliche Interessengemeinschaft oder wissenschaftliche Organisation, die sich nicht mit der Frage beschäftigt, wie zukünftig Promotionsverfahren gestaltet werden sollen. Soll es bei der traditionellen, forschungsbasierten Promotion bleiben, soll auf kumulative Promotionen oder Teampromotionen gesetzt werden oder sollen gar eher verschulte Promotionsprogramme eingeführt werden?

Die gtw bezieht dabei eine klare Position zur Promotionsphase als erste Phase des Nachweises vertiefter, selbstständiger wissenschaftlicher Arbeit und nicht als letzte Phase der Ausbildung. Sie folgt im Kern den Empfehlungen des Wissenschaftsrates 2011: Kern der Promotion ist die eigene, selbständige und originäre Forschungsleistung, die zum Erkenntnisfortschritt im jeweiligen Fach beiträgt und in der Regel durch eine monographische Dissertation nachgewiesen wird. In einigen Fächern haben sich inzwischen publikationsbasierte Promotionen etabliert: An die Stelle einer großen wissenschaftlichen Arbeit treten mehrere, in der Regel in engem Zusammenhang stehende Veröffentlichungen in referierten Fachzeitschriften, die – mit einer zusammenfassenden Darstellung versehen – die schriftliche Promotionsleistung bilden. Die gtw vertritt die Position, dass – unabhängig von der Form der schriftlichen Promotionsleistung – der Doktorgrad nicht durch Studienleistungen erworben werden darf. Im Rahmen strukturierter Programme können allerdings bestimmte fachliche und außerfachliche Kenntnisse in Kursen, Seminaren und Kolloquien vermittelt werden, um den Promotionsprozess zu unterstützen.

Absicherung des Lehrkräftenachwuchses

Nach wie vor leidet das Berufsbildungssystem im gewerblich-technischen Bereich unter einem gravierenden Lehrkräftemangel. Die gtw empfiehlt daher der Bildungsverwaltung, die Aufnahme eines Studiums zur Lehrkraft an beruflichen Schulen zu unterstützen und zu fördern, anstatt rein ingenieurwissenschaftlich sowie nicht berufsdidaktisch qualifizierte Personen unmittelbar im Unterricht einzusetzen. Dies gefährdet die Qualität der Arbeit aller im Berufsbildungssystem Aktiven. Die Unterstützung könnte durch Stipendien für Studieninteressierte – und hier vor allem für berufserfahrene Ingenieure – erfolgen, die oftmals aufgrund der finanziellen Situation die Aufnahme eines Studiums scheuen. In jedem Falle sollte die Unterstützung der Länder der Vollendung eines vollwertigen Lehrerbildungsstudiums dienen. Studienmodelle, die eine Verzahnung des wissenschaftlichen Studiums gewerblich-tech­nischer Wissenschaften und der Berufspädagogik mit unterrichtlicher Tätigkeit vorsehen, sollten erprobt und gefördert werden.

Die Sprecher der gtw

Prof. Dr. Matthias Becker, Universität Flensburg
Prof. Dr. Georg Spöttl, Universität Bremen
Dr. Lars Windelband, Universität Bremen

Flensburg,
10.10.2012

Download der Erklärung:  Flensburger Erklärung 2012

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